martin
loosli
xtratxt
- extrakte aus: "transmissionspfahlbau
im mitteilungswesen", verlag
report.ch thun, 2004
- extratexte; work in progress, 2002-2022
extrakte:
ana
mea, punta arenas
- was bewegt sich schneller als das licht? meine gedanken, kind, eben
war ich mitten im urknall, bin bereits wieder zurück und war
nochmals dort. das licht ist so langsam, dass ich ihm vorausspazieren
kann, sobald ich tot bin.
-
die zeit verhält sich wie das wasser in einem aquarium, sie
ist eine
unfassbare materie, deren masse uns umgibt. unser planet ist eines
jener sauerstoffbläschen, die auf ihrer vorgegebenen bahn
aufwärts
driften, die bläschen drehen sich um sich selbst, zudem
bewegen sie
sich im kollektiv in dieselbe richtung. stell' dir vor: unsere erde,
ein bläschen in einem wassertank! nur dass der tank nicht
wasser,
sondern zeit enthält.
- die zeit ist reglos. es sind die bewegungen darin, die wir messen.
amalia,
milano
- der tod bedeutet zugleich eine geburt, die geburt einer
unermesslichen mentalen energie, die sich in ihren endlichen,
wirklichen zustand begeben will, unvorstellbar, doch gleich einem
vögelchen, das ahnungslos ins leben tritt, befreit vom warmen
sein des werdens.
- wir sind frei, wir spüren die
freude des seins,
die wärme der geborgenheit, das glück der
zärtlichkeit;
wir empfinden die lust der zweisamkeit, die melancholie der trauer, die
ewigkeit der fügung: energien, wesentlichkeiten für
jedes
überleben.
- manchmal wünschte man sich zurück, so weit
zurück, dass man die frohe botschaft noch vor sich
hätte und meditation das einzige schulfach wäre.
- eine freundin war die natur dem christentum zu keiner zeit.
adrian, kapstaad
- gestalten, weiss ich jetzt, essen nicht
viel. kalorienlieferant ist der
alkohol, dem park gegenüber wird im hinterhof einer bar
gelegentlich schnaps und rotwein bereitgestellt, die gestalten
bezahlen, indem sie tagsüber vor der bar nicht herumlungern.
wollten wir das nicht schon immer? ein synergienfestival der
umgekehrten art? ein selbstpotenzierendes entfaltungsbewusstsein der
untersten milliarden?
- es ist die liebe zum menschen, die
uns an eine zukunft glauben lässt. an irgendeine.
- dem menschen wurde erlaubt, das rad zu
erfinden, das tier zu schinden,
das atom zu binden. soll ihm, auf einmal, verwehrt sein, das gen zu
manipulieren? sein eigen mechanisch gut? braucht der mensch beine haar
gedärm? braucht er ohren augen gläser? er sieht ja
doch nichts.
- dereinst, papa, wird uns ein
selbstgebasteltes knäblein mit
strahlenresistenten hautzellen geboren. und? verdammnis hohn und ethik?
kein wunsch nach standard, nicht bei nicht‘ und
neff‘ und öhm? kein gedanke an
weiterführende notwendigkeit, kein bedarf an metabolischer
innovation? jaaberdann: wie artikuliert sich dein aufschrei, dein
entsetzen, die rebellion?
- noch allerdings wird kräftig
auf den kopf gehauen. noch
mäandrieren wir in der geometrie der gitterstäbe,
noch zelebrieren wir die gleichmütige abstinenz der
taubblinden im banne des feuerwerks. noch streiten wir um verbale
empfindlichkeiten, um korrekte interpunktion. daneben:
transmissionspfahlbau im mitteilungswesen. die wut der unbewehrten,
ahnungen mit pinselstrich und zungenschlag austauschen zu
müssen.
- wer traumlos lebt, papa, war niemals
wach.
- ganzer text
arne,
hammerfest
- es gibt keinen willen, es
gibt nur das
schicksal, alles andere sind wörter: fügung,
vorsehung,
bestimmung, chaos. die fäden der zeit bilden ein unsichtbares
geflecht, sie wirken fortlaufend ineinander, übereinander,
gegeneinander; sie vermählen sich, sie scheiden sich,
ortsverschoben artengleich und wesensfremd: das schicksal wird materie,
der zufall ist sein gefäss.
ahmed,
beled weyn
- kann ich etwas
dafür, dass ich trödle? seit massahs tod sitzt mir
die dämmerung im kopf, den ganzen tag über kann ich
nicht denken. nur nachts denkt es mir von allein: einen baum, einen
einzelnen baum denkt es mir, eine frucht, eine einzelne frucht, sie
hängt an dem baum, sie wächst jeden morgen von neuem
aus einem ast heraus und sie ernährt und sättigt
jeden morgen von neuem eine ganze familie einen ganzen tag lang.
andré, port au
prince
- querab, in der gasse der tuchhändler, malt am
kühlen tresen ein buntstiftgenie seinem opa den himmel auf
packpapier, lächelt hinter fingerdick geschliffenen
gläsern richtung kirchturmspitze mitten ins bankenviertel
hinein und sagt: WOMÖGLICH HABEN WIR KANAKEN DOCH GESIEGT,
spuckt der uniform weit draussen auf dem bürgersteig in die
gürtelschnalle, winkt, ruft GUTEN MORGEN! und zeichnet dem
lieben gott ein totgeglaubtes lamm vor den schäferstab.
extratexte:
über
die zeit
und wenn
der raum sich
erweitert um die menge der zeit? denn die zeit befindet sich in einem
prozess der veränderung, der verjüngung vielleicht,
der verdünnung, so dass sie den raum zwingt, sich auszuweiten
oder sich zusammenzuziehen. oder konträr: dass der raum
unaufhörlich in bewegung ist und seinerseits die zeit zwingt,
sich anzupassen. dehnung, schrumpfung, fortwährende bewegung
von hülle
und inhalt. fragt sich, in welcher "geschwindigkeit" sich das abspielt,
in welcher relation zueinander; und ob es wiederholungen gibt.
zeitkoordinate, raumkoordinate. wir sterben in
derselben
nährlösung wie wir geboren sind. ein "vorher"
beziehungsweise ein "nachher" befinden sich auf derselben raumachse,
jedoch auf einer anderen zeitkoordinate. würden wir auf dem
einen planeten geboren, jedoch auf einem anderen sterben, wäre
es umgekehrt: tod und geburt ereignen sich auf derselben zeitachse,
jedoch auf einer unterschiedlichen raumkoordinate. doch es kann sich
ebensogut genau entgegengesetzt verhalten, und das ist unser problem:
dass wir nicht imstande sind zu unterscheiden, welches geschehnis
welcher koordinatenkombination zugeordnet werden soll.
visualisierungsversuch dazu: ein papier, das, in
der mitte gefaltet,
eine erhebung bildet; vor und nach der erhebung auf der
papierfläche aufgezeichnet sind je die zwei identischen
wörter "vorher". dies mein beitrag zum thema tod. geburt,
leben, tod; die erhebung ist das leben. es gibt eben kein
"vorher/nachher", denn das leben ist vergleichbar mit unserem
begriff
"gegenwart": die vergangenheit liegt auf derselben identischen
raumachse wie die zukunft, beide befinden sich auf verschiedenen
zeitkoordinaten. der zustand vor unserer geburt auf diesem planeten
entspricht dem zustand nach unserem tod auf diesem planeten. das
zwischenspiel, unser leben, ist die unerklärbarkeit des
augenblicks, des seins.
paradox: es gibt keine exakte
ausdrucksmöglichkeit, ausgenommen jene der
mathematischen formel, dem verstand die vorstellung von zeit und raum
zu vermitteln. der begriff "vorher/nachher" ist so gesehen ein blosser
kunstgriff des verstandes, unsere welt zu erklären.
doch ist der verstand wichtig? die mystik wird
letztlich unser sein
begründen; der verstand ist ein klimmzug, grimmig
ausgeführt
in
der felswand, derweil der mystiker sich schon oft in der wand befand
und noch
öfter auf dem gipfel.
annex
zum freien willen (eins)
man atmet.
natürlich atmet man, freiwillig oder
unfreiwillig,
doch es fehlt die gewissheit dazu, es fehlt die gewissheit, dass es
eine realität gibt, in der wir leben und eine, in der
wir
nicht leben; zudem fehlt die gewissheit, dass nichts wiederholbar ist.
das ist die essenz: gibt es in raum und zeit keine
identisch
reproduzierbare bewegung, gibt es keinen freien willen.
wolken
schwere
wolken überfliegen die alpen; zerfetzte bergzüge,
glimmende firne,
zoomsituationen. jetzt, nachts, werden die kompositionen durchsichtig
vor der
weissen vollmondscheibe, zudem steht uranus dem löwen
im quadrat
gegenüber und jupiter treibt ins sextil zum widder, die
waage
verlässt gar den schützen. der einsatz von
kanonenfutter wird in solchen nächten bestimmt.
nanosaurus
ab und zu will der mensch
einfluss nehmen auf
sein schicksal und er reisst einer brummfliege ein
beinchen aus, befriedigt
im tun, unbefriedigt im werk. sterben ist nicht das
schlimmste.
kinder üben tiefe
status, gewähnter glaube, da
und dort ein
medium, ferne
netze krängen weit und kein
hein nirgendwo
kinder üben tiefe, auch
entschwundenes, auch
gesang dabei: morgen war im vergangenen
jahr ein lieblicher tag
pigmentzerrieb im gegenlicht, vermauerte
beschaffenheit
raum, den wir zukunft nennen, zeit
nicht jetzt
annex zum freien willen (zwei)
was
bislang domäne der philosophie war, wird nun von der
neurologie
mit messmethoden angegangen: die
beweisführung für die
unfreiwilligkeit des seins.
die interdisziplinäre besonderheit daran ist, dass dem
menschen erlaubt wurde,
den computer zu erfinden, und erst dadurch gelangt er nun zu der
möglichkeit, im
gehirn eines menschen die aktivität von mikro-elektroimpulsen
nachzuweisen. man nimmt an, dass die impulse unwillentlich zu stande
kommen, also genaugenommen einer fremdeinwirkung unterliegen. einer
göttlichen?
hohlkörper
ein kugelförmiger hohlkörper, der zum teil mit
flüssigkeit gefüllt ist, auf deren
oberfläche sich ein schwimmkörper befindet: ist
das interessant? ja, sehr, denn das aussergewöhnliche daran ist, dass der
schwimmkörper stets in der waagrechten bleibt, egal ob und in
welche
richtung die kugel sich bewegt.
stellt man sich vor, der
schwimmkörper beherberge einen menschen: dieser mensch
weiss zu keinem zeitpunkt, in welche richtung und in welcher geschwindigkeit die kugel rollt respektive
gerollt wird.